Dienstag, 20. Dezember 2011

Konsumartikel

Im Fahrradladen. Vor mir eine Wand voll Sicherheitsschlösser. Sicherheitsschlösser aller Art und Preisklasse, von niedlichem Plastikring für 5 € (in allen Grundfarben erhältlich) bis hin zu schwerem Stahlgeschütz für 79 € (ausschließlich tiefschwarz).

Der Verkäufer lässt mich in Ruhe, ich begutachte die verschiedenen Modelle und schwanke schließlich zwischen einem dicken schwarzen Plastikring mit dichtem Stahlgezwirbel im Inneren für 27 €, der schwer in der Hand liegt, und einer Variante davon in etwas dünner und um vieles leichter für 10 €. Aus akutem finanziellen Anlass tendiere ich zu der 10 €-Sicherheit. Schon will ich damit zur Kasse, da tritt der Verkäufer an mich heran und rät mir vom Kauf ab:

„Ganz ehrlich: Das würde ich nicht nehmen.“ Und er erklärt, wie das Ding gemacht ist, dass es zwar einigermaßen nach was aussieht, ein Kenner aber gleich erkennt, dass hier nur ein dünner Draht mit ordentlich Plastik verkleidet wurde. Er rät mir zu dem 27 €-Modell und schiebt hinterher: „Also, das ist jetzt kein Verkäuferspruch.“ Spontan erwidere ich: „Ja, das glaube ich hier.“ Dass ich durch die Entscheidung gegen das Billigschloss schon wieder ins Minus komme, nehme ich in Kauf. Schließlich geht es um mein Fahrrad.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Dienstag

Arbeit, Arbeit, Arbeit...

Montag, 5. Dezember 2011

Happy Monday!

Vorhin, vor exakt zwei Lichtjahren – sind wir mal großzügig und schauen über den Unsinn hinweg, der darin besteht, dass Jahre aus Licht das Maß für Entfernungen sein sollen – hat keine 500 Meter Luftlinie vom Unfallort entfernt eine kleine Welt eröffnet, wie man später erfuhr.

Zwei Tage darauf, also vorhin minus zwei, landet man um drei Ecken am anderen Ende des Vektors. Man tritt von einem Bein aufs andere, traut sich nicht rein, traut sich dann doch, und steht dann da so. Da steht man also und schlägt auf der Stelle Wurzeln, aber das weiß man noch nicht. Man weiß überhaupt noch gar nichts, und sogar das merkt man erst viel später.

Im Moment steht da erstmal ein kleiner Apparat, ein schlichtes Maschinchen, kaum größer als ein handelsübliches Wörterbuch. Wenn man sich die unglaubliche Mühe machen und sich die endlose Zeit von sagen wir fünf Minuten nehmen will, kann man durch Betätigen des Hebels und Einlegen zweier Metallplättchen kleine Medaillons zum Anstecken herstellen. Das macht Spaß, sieht hübsch aus und verbindet - auch und gerade solche, denen Friemeln meist lieber ist als Reden.

Was da noch steht, und zwar im Augenblick direkt unter dem kleinen Apparat vom Ausmaß eines Wörterbuchs, nur viel größer und aus Holz: ein veritabler Tisch. So einer, den nichts aus der Ruhe bringt. In der Mitte gibt es eine Vertiefung und seitlich schon wieder einen Hebel. Das Schöne an diesem Hebel ist: Niemand würde auf die Idee kommen, seinen Nutzen in Frage zu stellen, denn es gibt keinen. Vermutlich gab es mal einen und könnte wohl auch jederzeit wieder einen geben, aber hier und jetzt ist er einfach nur da und gibt Rätsel auf.

Was noch? Ach so, ja: die Musikmaschine. Schon wieder so ein Apparat, ein größerer diesmal, ein trutziges Ding mit enormer Bodenhaftung. Auch wenn ringsum alles tanzt, was selten, aber manchmal eben doch passiert - die Musikmaschine bleibt am Boden und freut sich in tiefer Ruhe über ihre Wirkung. Toll auch: Die Musik darf frei gewählt werden, unabhängig von Einkommen, Aussehen, Geschlecht, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Ethnie, Essgebaren, Kleidungsstil, sexueller Orientierung und Schlafgewohnheit. Und immer wieder gibt es Tage, an denen die Musikmaschine Konkurrenz bekommt. Die Musik kommt dann von Leuten.

Ringsum sind ferner Wände, und an den Wänden wechselnde Bilder. Bilder, die gesehen werden wollen, weil sie dazu geschaffen sind. Und wie! Die Leute hinter den Bildern sind manchmal auch da, und dann wird gefeiert und geredet und gefragt und erklärt, so gut oder schlecht es geht, und am Ende, wenn wieder abgehängt wird, wird vielleicht ein Traum wahr oder zurück in die Warteschleife geschickt, alles ist möglich.

Natürlich gibt es außer den Leuten mit Bildern und den Leuten mit Musik auch jede Menge anderer Leute. Leute auf Durchreise. Leute, die ankommen. Leute, die Abschied nehmen. Leute auf Jobsuche. Leute mit Arbeit, von der sie gerne erzählen, weil sie sie ernst nehmen. Und Leute, die nichts lieber tun als Leuten zuzuhören, die gerne von dem erzählen, was sie die meiste Zeit tun. Leute mit Plänen und Leute ohne Plan. Leute, die ausprobieren. Und Leute, die ausprobiert haben und jetzt was Neues versuchen. Leute, die irgendwohin wollen, wo es besser ist als da, wo sie aus irgendwelchen Gründen feststecken. Leute, die mal in Ruhe gelassen werden wollen, aber nicht allein. Natürlich gibt es auch Leute, die einfach Leute treffen wollen oder Musik oder beides. Lauter Leute eben, die gerne so sind.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Wurst

„Magscherädlewurscht?“ war eine der Fragen, mit denen ich aufgewachsen bin. Die andere: „Zuwemghörschdu?“

Das erste war, wenn man als Pimpf zum Einkaufen mitgenommen und vor der Fleisch&Wurst-Theke Halt gemacht wurde. Da stand man dann vor einer weiten, rosaroten Landschaft aus Fleisch und wartete mal mehr, mal weniger auf das „Magscherädlewurscht?“ der meist sehr beleibten Verkäuferin hinter dem Wurstgebirge, die mit ihrem Zwei- oder Dreizack in beeindruckend sicherem Gespür für Mengen- und Gewichtsverhältnisse von den Stapeln aufgeschnittener Wurst immer ziemlich genau so viele Scheiben wegpiekste und auf das Papier warf, dass die Waage sich selten irrte.

Die zweite Frage, die aus meiner Kindheit nicht wegzudenken ist, kam, wenn man im Hof spielte oder auf der Straße, jedenfalls draußen, irgendwo im nahen Umkreis. „Zuwemghörschdu?“ - damit wollte entweder der Briefträger sich die Arbeit erleichtern, indem er die Post gleich den Kindern in die Hand drückte, zu deren Eltern sie gehörten, anstatt die Briefkästen der Wohnungen abzuklappern. Oder schlichtweg interessierte Nachbarn von weiter weg wollten herausfinden, aus welchem Stall diese Schäfchen auf Rollschuhen stammten. Warum, weiß der Himmel. Jedenfalls antwortete man auf diese Frage immer brav mit dem Familiennamen, auch wenn man sich schon als Dreikäseplusrollschuhhoch darüber wunderte, dass Fremde wissen wollten, „zu wem“ man „gehört“. Einfach so.

Irgendwann hörten diese beiden Fragen auf, dafür kamen andere, solche, die man nicht mehr so einfach und klar und schnell beantworten konnte, solche, für deren Beantwortung man „etwas tun“ musste. Irgendwann hörten auch die auf, und dann änderte sich die Richtung, und die Fragen kamen nicht mehr von außen. Man fragt auf einmal selbst. Und dann stellt man sich zum Beispiel vor, wie es wäre, wenn morgen beim Einkaufen plötzlich jemand „Magscherädlewurscht?“ fragen würde.